Die Digitaltechnik verändert Hollywood und die Filmkultur.
Der Artikel stammt aus der Zeitschrift "Der Spiegel 45/2000"

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Eine Welt jenseits unserer Vorstellungskraft" verspricht
Wald Disneys neuester Zeichentrickfilm: Vorn brüllen die
Echsen, und im Hintergrund entrollt sich spektakulär das
Urweltpanorama.

Der Lichtstrahl für das Kinobild kommt aus dem kleinen
Loch vor dem Vorführraum wie immer ­ aber nicht mehr von
der Filmrolle. Eine schimmernde Fläche aus 1,3 Millionen
mikrofeinen Reflektoren flirrt hinter der Optik des
Projektors: Durch elektrostatische Kräfte bis zu 5000-mal
pro Sekunde bewegt, lenken die winzigen Spiegel ihre
Lichtpunkte auf die Leinwand.

Disneys "Dinosaurier" sind Vorboten des Kinos von morgen.
Vom Drehort bis zur Wiedergabe funktioniert alles nur noch
digital. Der Film kommt nicht mehr in der Blechbüchse ins
Kino, sondern als Datei ­ und bald wohl gar als
Satelliten-Beam direkt aus Hollywood.

Die Technik für vollelektronisches Kino läuft weltweit
schon in rund 30 Lichtspielhäusern, unter anderem in
Berlin, Düsseldorf und Köln. Ausrüster rechnen damit, dass
"E-Cinema" in zwei Jahren überall eingeführt wird ­ ein
historischer Akt, denn damit fiele, so der Sony-Manager
Horst Niederehe, "die letzte Bastion analoger
Informationstechnik".

Die Branche freut sich auf den Boom: Den Ausrüstungsbedarf
bei den Abspielstätten schätzen Branchendienste allein in
der Bundesrepublik auf 2,5 Milliarden ­ anderthalbmal so
viel wie der Jahresumsatz in deutschen Kinos.

Die Umrüstungskosten können Produzenten und Verleiher
leichten Herzens aufbringen, denn mit der neuen Technik
geraten sie in eine "win win win"-Situation, wie
Sony-Manager Niederehe glaubt. Allein für Herstellung und
Transport von Kopien gibt die Filmwirtschaft bisher
jährlich über zehn Milliarden Mark aus; davon könnte sie
künftig an die 90 Prozent sparen. Hollywood will in den
nächsten vier Jahren jeden Film auch im digitalen Format
anbieten, die Ufa-Kinowerbung will in Deutschland fürs
Erste 500 Abspielorte mit digitaler Technik für
Satellitenübertragung ausrüsten.

Noch erreicht auch die hochauflösende E-Technik neuesten
Standards nicht immer die Schärfe und Farbtiefe einer
frisch vom Negativ gefertigten Erstkopie. In der Praxis
allerdings kommen statt dieser "Sahneversion"
(Filmregisseur Wim Wenders) nur Massenkopien ins Kino,
deren Qualität von der neuen Elektronik, zumindest im
Urteil des Publikums, allemal erreicht wird. "Sie lieben
es", beobachtete Disney-Manager Phil Barlow bei
E-Vorstellungen.

Unter Filmemachern ist das Echo dagegen geteilt ­ nicht
zuletzt aus Sorge vor noch mehr Hollywood-Dominanz: Der
technische Vorsprung in der E-Film-Sparte stärkt auch bei
den Inhalten die Vorherrschaft der US-Studios.

Zudem: Bei Innenaufnahmen weichen die Ergebnisse von
herkömmlicher Technik und elektronischen 24p-Kameras wie
Sonys "HDW-F 900" noch voneinander ab. Das Fachblatt
"Filmecho-Filmwoche" fand sogar, dass es sich nach wie vor
"um zwei unterschiedliche Medien handelt".

Michael Ballhaus, Professor beim "Filmstudium" der
Hamburger Universität und gefragter Kameramann bei
Qualitätsprojekten, empfiehlt den Studenten, sich auf die
"Technik der Zukunft" einzustellen, möchte selbst aber
weiterhin "bestimmte Sachen lieber auf Film drehen".

Regisseur Wim Wenders hat sich die einst verhasste
"Todfeindsprache" der digitalen Bilder schon angeeignet.
Wenders, der seinen Kuba-Film "Buena Vista Social Club"
teilweise mit digitalen Amateur-Camcordern gedreht hat,
erwartet sogar neue Impulse für die Kinokultur: Theoretisch
könne mittels einfacher Digitalausrüstung "jeder
Filmstudent, der etwas auf dem Kasten hat", alle Kinos der
Welt erreichen.

Allerdings wird die bevorstehende Kinovernetzung auch
schärfere Erfolgskontrolle erlauben. Angaben über Anzahl
und Reaktion der Zuschauer erreichen dann auf direktem Weg
die Verleihzentrale. Zielgruppengenaue Kinoreklame würde
möglich. Kein Problem mehr, Angebot und Präsentation der
Werbung auf das "soziale Umfeld" des Kinos zuzuschneiden ­
und warum dann nicht gleich als Einblendung wie beim
Autorennen?

Zudem rückt ein Alptraum der Filmemacher näher:
korrigierende Eingriffe des Produzenten noch im Kino.
Bisher entscheiden, bei aller Einflussnahme der Geldgeber
auf Drehbücher und Schnitt, einzig die Zuschauer über den
Geschäftserfolg, sobald die Filmrollen erst einmal im
Umlauf sind.

Dieses ärgerliche Restrisiko der Studios lässt sich beim
"E-Cinema" noch beseitigen. Floppt ein Film wider Erwarten,
lassen sich die umsatzstörenden Passagen nachbessern und
die Dateiänderung umgehend an alle Digitalkinos
übermitteln. Ein Mausklick, und die Kasse stimmt wieder.

CHRISTIAN HABBE
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