Eine Welt jenseits unserer Vorstellungskraft" verspricht
Wald Disneys neuester Zeichentrickfilm: Vorn brüllen
die
Echsen, und im Hintergrund entrollt sich spektakulär
das
Urweltpanorama.
Der Lichtstrahl für das Kinobild kommt aus
dem kleinen
Loch vor dem Vorführraum wie immer aber
nicht mehr von
der Filmrolle. Eine schimmernde Fläche aus
1,3 Millionen
mikrofeinen Reflektoren flirrt hinter der Optik
des
Projektors: Durch elektrostatische Kräfte
bis zu 5000-mal
pro Sekunde bewegt, lenken die winzigen Spiegel
ihre
Lichtpunkte auf die Leinwand.
Disneys "Dinosaurier" sind Vorboten des Kinos von
morgen.
Vom Drehort bis zur Wiedergabe funktioniert alles
nur noch
digital. Der Film kommt nicht mehr in der Blechbüchse
ins
Kino, sondern als Datei und bald wohl gar
als
Satelliten-Beam direkt aus Hollywood.
Die Technik für vollelektronisches Kino läuft
weltweit
schon in rund 30 Lichtspielhäusern, unter
anderem in
Berlin, Düsseldorf und Köln. Ausrüster
rechnen damit, dass
"E-Cinema" in zwei Jahren überall eingeführt
wird ein
historischer Akt, denn damit fiele, so der Sony-Manager
Horst Niederehe, "die letzte Bastion analoger
Informationstechnik".
Die Branche freut sich auf den Boom: Den Ausrüstungsbedarf
bei den Abspielstätten schätzen Branchendienste
allein in
der Bundesrepublik auf 2,5 Milliarden anderthalbmal
so
viel wie der Jahresumsatz in deutschen Kinos.
Die Umrüstungskosten können Produzenten
und Verleiher
leichten Herzens aufbringen, denn mit der neuen
Technik
geraten sie in eine "win win win"-Situation, wie
Sony-Manager Niederehe glaubt. Allein für
Herstellung und
Transport von Kopien gibt die Filmwirtschaft bisher
jährlich über zehn Milliarden Mark aus;
davon könnte sie
künftig an die 90 Prozent sparen. Hollywood
will in den
nächsten vier Jahren jeden Film auch im digitalen
Format
anbieten, die Ufa-Kinowerbung will in Deutschland
fürs
Erste 500 Abspielorte mit digitaler Technik für
Satellitenübertragung ausrüsten.
Noch erreicht auch die hochauflösende E-Technik
neuesten
Standards nicht immer die Schärfe und Farbtiefe
einer
frisch vom Negativ gefertigten Erstkopie. In der
Praxis
allerdings kommen statt dieser "Sahneversion"
(Filmregisseur Wim Wenders) nur Massenkopien ins
Kino,
deren Qualität von der neuen Elektronik, zumindest
im
Urteil des Publikums, allemal erreicht wird. "Sie
lieben
es", beobachtete Disney-Manager Phil Barlow bei
E-Vorstellungen.
Unter Filmemachern ist das Echo dagegen geteilt
nicht
zuletzt aus Sorge vor noch mehr Hollywood-Dominanz:
Der
technische Vorsprung in der E-Film-Sparte stärkt
auch bei
den Inhalten die Vorherrschaft der US-Studios.
Zudem: Bei Innenaufnahmen weichen die Ergebnisse
von
herkömmlicher Technik und elektronischen 24p-Kameras
wie
Sonys "HDW-F 900" noch voneinander ab. Das Fachblatt
"Filmecho-Filmwoche" fand sogar, dass es sich nach
wie vor
"um zwei unterschiedliche Medien handelt".
Michael Ballhaus, Professor beim "Filmstudium" der
Hamburger Universität und gefragter Kameramann
bei
Qualitätsprojekten, empfiehlt den Studenten,
sich auf die
"Technik der Zukunft" einzustellen, möchte
selbst aber
weiterhin "bestimmte Sachen lieber auf Film drehen".
Regisseur Wim Wenders hat sich die einst verhasste
"Todfeindsprache" der digitalen Bilder schon angeeignet.
Wenders, der seinen Kuba-Film "Buena Vista Social
Club"
teilweise mit digitalen Amateur-Camcordern gedreht
hat,
erwartet sogar neue Impulse für die Kinokultur:
Theoretisch
könne mittels einfacher Digitalausrüstung
"jeder
Filmstudent, der etwas auf dem Kasten hat", alle
Kinos der
Welt erreichen.
Allerdings wird die bevorstehende Kinovernetzung
auch
schärfere Erfolgskontrolle erlauben. Angaben
über Anzahl
und Reaktion der Zuschauer erreichen dann auf direktem
Weg
die Verleihzentrale. Zielgruppengenaue Kinoreklame
würde
möglich. Kein Problem mehr, Angebot und Präsentation
der
Werbung auf das "soziale Umfeld" des Kinos zuzuschneiden
und warum dann nicht gleich als Einblendung wie
beim
Autorennen?
Zudem rückt ein Alptraum der Filmemacher näher:
korrigierende Eingriffe des Produzenten noch im
Kino.
Bisher entscheiden, bei aller Einflussnahme der
Geldgeber
auf Drehbücher und Schnitt, einzig die Zuschauer
über den
Geschäftserfolg, sobald die Filmrollen erst
einmal im
Umlauf sind.
Dieses ärgerliche Restrisiko der Studios lässt
sich beim
"E-Cinema" noch beseitigen. Floppt ein Film wider
Erwarten,
lassen sich die umsatzstörenden Passagen nachbessern
und
die Dateiänderung umgehend an alle Digitalkinos
übermitteln. Ein Mausklick, und die Kasse
stimmt wieder.
CHRISTIAN HABBE
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